Professionelle ADHS-Diagnostik für Erwachsene
Jetzt loslegenADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine komplexe Erkrankung, oder auch: Neurodivergenz. Als Neurodivergenz bezeichnen wir alle Zustände, in denen das Gehirn nicht wie das der meisten Menschen (also: neurotypisch) funktioniert. Das muss nicht zwingend eine Erkrankung beinhalten, auch wenn viele Menschen unter ihrem ADHS auch leiden. Im Folgenden schauen wir uns gemeinsam an, wie ADHS entsteht. Alle Informationen basieren auf den aktuellen S3-Leitlinien, die den neuesten und modernsten Konsens der Wissenschaft zu verschiedenen psychischen Erkrankungen zusammenfassen sollen. Also: eine ziemlich solide Quelle. Hier kannst du die Leitlinie selbst einsehen: S3-Leitlinie, öffnet in neuem Fenster.

ADHS wurde zum ersten Mal 1775 von Melchior Adam Weikard beschrieben. Es ist also keineswegs ein Phänomen der Neuzeit oder eine "Modeerkrankung". Falls ADHS heute stärker präsent erscheint, könnte das an besseren Diagnosemethoden, besserer Ausbildung von Lehrern, Therapeuten und Ärzten und an abnehmender Stigmatisierung psychischer Erkrankungen liegen. Früher sprach man nicht sehr wertschätzend vom "Zappelphilipp-Syndrom". Das ist ja wohl ein Label, das sich kein Mensch anziehen möchte. Seit 1937 ist bekannt, dass man ADHS mit Medikamenten behandeln kann, und die bekannteste Substanz, Methylphenidat, wurde 1944 erstmals hergestellt, und ist seit den 1950ern als "Ritalin" im Umlauf. Das klingt jetzt auch nicht gerade nach einer "jüngsten Entwicklung", vor allem wenn man bedenkt, dass das Patent auf Ibuprofen 1961 angemeldet wurde, Betablocker erst seit 1964 zur Verfügung stehen und wir erst seit 1963 gegen Masern impfen können. Selbst die "Pille" ist erst 1960 erstmals verfügbar gewesen.
Es ist gar nicht richtig klar, wie eine ADHS entsteht. Wir wissen, dass es keine Erkrankung an einem Virus oder einem Bakterium ist, sondern verschiedene Faktoren die Entstehung gemeinsam verursachen. Ein wirklich großer Anteil scheint genetisch bedingt zu sein. ADHS tritt familiär gehäuft auf, was für eine starke Erblichkeit spricht. Die Leitlinien suggerieren hier, dass 76 % der Varianz, die wir in Menschen bezüglich ADHS sehen, durch die Gene bedingt sind. Das ist ein wirklich sehr hoher Wert. Forschungen konnten außerdem zeigen, dass mehrere Gene an der Entstehung beteiligt sind, was erklären würde, warum kein "Ja oder Nein" Zusammenhang besteht. Einige dieser Gene sind auch an der Entstehung von Autismus beteiligt, aber mehr dazu später. Es stehen verschiedene Drogen und Gifte (allen voran Nikotin) im Verdacht, die Entstehung einer ADHS zu begünstigen, aber sicher sind wir uns da nicht, der Zusammenhang scheint, falls überhaupt, nicht stark zu sein. Was aber klar ist: Impfungen führen nicht zu ADHS. Oder Autismus.
Was nachgewiesen werden konnte, ist, dass emotionale Abwesenheit oder Vernachlässigung durch die Eltern den Verlauf, Schweregrad und Komorbiditäten einer ADHS begünstigen kann. Ein positives Erziehungsverhalten, vor allem der Mütter, scheint ein protektiver Faktor gegen die Entstehung einer ADHS zu sein. Das heißt: Es verringert die Wahrscheinlichkeit der Bildung einer ADHS, verhindern kann das auch die beste Mutter der Welt nicht. Einen einzelnen, kritischen Faktor konnten wir aber bisher nicht finden. Insgesamt scheint es so zu sein, dass die Entstehung primär genetisch bedingt ist, und Umweltfaktoren hier eher eine kleinere Rolle spielen.
Ganz stark vereinfacht und sicher nicht ganz korrekt könnte man sagen: ADHS ist genetisch bedingt, aber da es an mehreren Genen liegt, gibt es "Grenzfälle", und in diesen Fällen entscheidet die Umwelt, ob sich eine ADHS ausbildet oder nicht.
Die Idee, dass sich ADHS im Laufe "der Pubertät schon verwächst" ist niedlich. Wir haben eine primär genetisch bedingte Störung, bei der mehrere Neurotransmittersysteme in ihrer Funktion betroffen sind. Das sich das einfach "verwächst" ist so, als würde man einem Menschen, der als Kind ein Bein bei einem Unfall verloren hat nahelegen, bis nach der Pubertät zu warten, vielleicht wächst da ja ein neues. Das ist natürlich eine etwas übertriebene Parabel, aber dafür gibt es einen guten Grund.
Natürlich ist das Gehirn ein komplexes Ding, und in der Pubertät passiert in der Tat sehr viel. Ich will nicht ausschließen, dass gelegentlich auch mal eine ADHS einfach so verschwindet. Was viel häufiger vorkommen kann, ist, dass die betroffenen Menschen so gut im Kompensieren der Störung werden, dass sie in der Praxis symptomfrei sind. Die ADHS ist noch vorhanden, aber die Menschen haben Strategien und Workarounds gelernt, um nach außen ganz "neurotypisch" zu funktionieren. Das klappt oft ein Leben lang sehr gut. Allerdings ist Kompensation anstrengend. Dinge, die neurotypischen Menschen leichter fallen würden, können für eine erhöhte Grundbelastung bei Menschen mit ADHS sorgen. Das kann zur Entstehung von Burn-out-Depressionen beitragen, oft wenn Kinder mit in die Familie geboren werden, oder es im Job sehr anstrengend wird. Diese enorme Leistung der Betroffenen als "hat sich verwachsen" zu bezeichnen ist respektlos gegenüber dieser beachtlichen Leistung.
Nicht alle Menschen lernen, vollständig zu kompensieren, und manchmal sind die Symptome so ausgeprägt, dass dies auch gar nicht geht. Ungefähr die Hälfte aller im Kindesalter Betroffenen zeigt im Erwachsenenalter immer noch relevante Symptome.