Professionelle ADHS-Diagnostik für Erwachsene
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Es ist keine triviale Aufgabe, die Symptome einer ADHS zu beschreiben. Fangen wir mit den biologischen Auswirkungen an. Das Gehirn von Menschen mit ADHS ist anders aufgebaut. Wie genau? Wissen wir nicht. Manche Studien sagen, Gehirne von Menschen mit ADHS hätten weniger graue, aber nicht weiße Hirnmasse, und manche Bereiche des Gehirns seien mehr oder weniger stark aktiviert als die Gehirne neurotypischer Menschen. Ist das aber die Ursache oder die Folge von ADHS? Wissen wir nicht. Die Unterschiede sind andererseits so inkonsistent, dass viele Menschen mit ADHS eine Gehirnstruktur aufweisen, die von der eines "gesunden" Menschen nicht unterscheidbar ist. Es gibt keine hirnstrukturellen Unterschiede noch funktionelle Besonderheiten, die für ADHS notwendig oder hinreichend wären. Wir wissen also: Da ist was. Was genau? Ist unklar.
Besser sieht es bei Messungen des EEG aus. Hierbei wird die elektrische Aktivität des Gehirns von außen gemessen. Hier zeigen sich Unterschiede in allen Phasen der Informationsverarbeitung. Wenn Du Dich für mehr Details interessierst, verweise ich hier gerne auf die S3-Leitlinie, da steht noch viel mehr zu dem Thema, aber für den eiligen Leser reicht: Das Gehirn ist nicht kaputt, noch ist man "dümmer", es verarbeitet Informationen anders. Dieses "anders" kann heißen, dass manche Dinge besser oder schlechter funktionieren, als es für einen neurotypischen Menschen der Fall wäre. Wir wissen auch ziemlich sicher, dass diese Unterschiede alle mit den dopaminergen und noradrenergen Systemen eng verbunden sind. Oder einfach: Ein ADHS-Gehirn hat zu wenig Dopamin und Noradrenalin. Das ist natürlich sehr stark vereinfacht: Es ist nicht unbedingt "zu wenig" da, es kann auch zu wenig Rezeptoren geben, oder es wird zu wenig freigesetzt oder zu schnell wieder aufgenommen. Aber im Folgenden wird hier der Lesbarkeit wegen von "zu wenig" Dopamin und Noradrenalin gesprochen.

Eine ADHS ist eine sehr individuelle Sache. Nicht jeder Mensch leidet unter den gleichen Symptomen. Aber es gibt ein paar "Klassiker", die die meisten Menschen mit ADHS betreffen. Grundsätzlich sind das Störungen der Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Häufige Symptome umfassen demnach:
Aufmerksamkeit
Es gibt eine Reihe von Problemen, die Menschen mit ADHS betreffen können. Diese sind nicht direkt die Folge der ADHS, sondern des Lebens in einer neurotypischen, nicht immer verständnisvollen Welt. Ich nenne diese Symptome gerne "Sekundärsymptome", da sie nicht durch die ADHS, sondern die Reaktion der Umwelt auf die ADHS entstehen. Hierzu zählen: niedriger Selbstwert, Selbstvorwürfe, das Gefühl, "nichts hin zu bekommen", Schwierigkeiten im Studium oder bei Fortbildungen, das Gefühl, "falsch zu sein", oder "nicht in diese Welt zu passen" oder die Überzeugung, "einfach faul zu sein". Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist: Ein Kind sitzt 6 Stunden am Computer und spielt ein Spiel. Ein Spiel, in das mehrere Millionen Euro geflossen sind, um eine dopaminoptimierte Erfahrung zu bieten. Die Mutter sieht das, und sagt: "Okay, genug jetzt, Zeit für Hausaufgaben." Nach 10 Minuten sagt das Kind, es könne sich nicht konzentrieren. Die Mutter schüttelt den Kopf und sagt wütend: "Blödsinn. Spielen kannst du doch auch, du bist einfach nur faul."
Natürlich ist das Kind nicht faul. Es sagt die Wahrheit. Die Deutschhausaufgaben können einfach nicht mit dem Spiel mithalten. Da wird kein Dopamin ausgeschüttet. Das Kind kann sich tatsächlich nicht konzentrieren. Aber versteht es das? Nein. Es glaubt der Mutter. So bildet sich das Selbstbild: Ich bin faul. Und im Laufe des Lebens viele weitere: Ich kriege nichts hin. Ich schiebe immer alles bis zum Ende auf. Warum bin ich nur so blöd? Andere schaffen das doch auch. Warum ich nicht? Was ist falsch mit mir? Ich bin halt scheiße.
Nicht selten ist der sekundäre Schaden, der durch unerkanntes ADHS auftritt, der Grund für immer wiederkehrende Depressionen bei den betroffenen Menschen.
Ich werde nicht müde, zu betonen: ADHS hängt (unter anderem) mit einem Mangel an Dopamin zusammen. Also sollten Menschen mit ADHS es ja richtig toll finden, wenn etwas Dopamin ausschüttet, denn dann sollte das ja zu einer Linderung der Symptome führen, oder? Ja, bei vielen Menschen ist das so! Viele Menschen mit ADHS mögen Dinge, die Spaß machen. Einkaufen, laute Musik, schnelles Autofahren, Extremsport, neue, exotische Speisen, Glücksspiel, Sexualität und berauschende Substanzen. Natürlich gilt das nicht für alle Menschen. Nicht alle sind gleich. Es kommt aber bei ADHS häufiger vor. Und das muss nicht schlimm sein. Es gibt sogar den Begriff der "ADHS Tax" falls man doch mal etwas gekauft hat, was man unbedingt haben wollte, aber eigentlich nicht braucht. Oder falls man etwas verloren hat, und darum ersetzen muss. Auch gegen gelegentliches Glücksspiel oder der verantwortungsvollen Gebrauch verschiedener berauschender Substanzen sind aus fachlicher Sicht als "normales" Verhalten einzuordnen. Selbstverständlich spricht auch nichts gegen häufige Sexualität. Viele meiner Patient*innen berichten auch, dass Sport, vor allem Joggen, für ein angenehmes Hoch sorgt, das sogar für Stunden bis Tage zu einer Symptomlinderung führen kann. Dopamin ist unser Freund, besonders bei ADHS.
Allerdings hat dieser Aspekt des ADHS auch Schattenseiten. So kann es passieren, dass man zu viel Geld ausgibt, bis zu dem Punkt, dass man sich verschuldet. Substanzabhängigkeit (vor allem Nikotin, Koffein, Kokain und Amphetamine) ist unter Menschen mit ADHS deutlich häufiger, genauso wie pathologisches Glücksspielen. Schnelles Autofahren kann genauso eine Gefahr sein wie ungeschützter Verkehr mit wechselnden Sexualpartnern. Auch Übergewicht ist aufgrund impulsiven Essens unter Menschen mit ADHS häufiger. Natürlich gilt auch hier wieder: Nicht jeder Mensch mit ADHS ist drogenabhängig. Nicht mal die Mehrheit. Aber das Risiko für eine Substanzabhängigkeit ist in dieser Gruppe höher als bei den neurotypischen Menschen.