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Alle Informationen einfach zusammengefasst

Herzlich willkommen auf den Seiten des Hörnchenwerks. Auf dieser Seite sind alle relevanten Informationen so zusammengefasst, dass sie für Screenreader einfach vorzulesen sind. Der Text beginnt mit einer Übersicht darüber, was ADHS (Aufmersamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist, was die Ursachen und Symptome sind, und wie man sie diagnostiziert.

Anschließend stelle ich mein Angebot vor, was es kostet, und wie ich Dir mit der Diagnostik helfen kann, auch wenn diese Seite nicht vollständig barrierefrei ist.

Informationen über ADHS

Ursachen

Einführung

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine komplexe Erkrankung, oder auch: Neurodivergenz. Als Neurodivergenz bezeichnen wir alle Zustände, in denen das Gehirn nicht wie das der meisten Menschen (also: neurotypisch) funktioniert. Das muss nicht zwingend eine Erkrankung beinhalten, auch wenn viele Menschen unter ihrem ADHS auch leiden. Im Folgenden schauen wir uns gemeinsam an, wie ADHS entsteht. Alle Informationen basieren auf den aktuellen S3-Leitlinien, die den neuesten und modernsten Konsens der Wissenschaft zu verschiedenen psychischen Erkrankungen zusammenfassen sollen. Also: eine ziemlich solide Quelle. Hier kannst du die Leitlinie selbst einsehen: S3-Leitlinie, öffnet in neuem Fenster.

Geschichte der ADHS

ADHS wurde zum ersten Mal 1775 von Melchior Adam Weikard beschrieben. Es ist also keineswegs ein Phänomen der Neuzeit oder eine "Modeerkrankung". Falls ADHS heute stärker präsent erscheint, könnte das an besseren Diagnosemethoden, besserer Ausbildung von Lehrern, Therapeuten und Ärzten und an abnehmender Stigmatisierung psychischer Erkrankungen liegen. Früher sprach man nicht sehr wertschätzend vom "Zappelphilipp-Syndrom". Das ist ja wohl ein Label, das sich kein Mensch anziehen möchte. Seit 1937 ist bekannt, dass man ADHS mit Medikamenten behandeln kann, und die bekannteste Substanz, Methylphenidat, wurde 1944 erstmals hergestellt, und ist seit den 1950ern als "Ritalin" im Umlauf. Das klingt jetzt auch nicht gerade nach einer "jüngsten Entwicklung", vor allem wenn man bedenkt, dass das Patent auf Ibuprofen 1961 angemeldet wurde, Betablocker erst seit 1964 zur Verfügung stehen und wir erst seit 1963 gegen Masern impfen können. Selbst die "Pille" ist erst 1960 erstmals verfügbar gewesen.

Ursachen der ADHS

Es ist gar nicht richtig klar, wie eine ADHS entsteht. Wir wissen, dass es keine Erkrankung an einem Virus oder einem Bakterium ist, sondern verschiedene Faktoren die Entstehung gemeinsam verursachen. Ein wirklich großer Anteil scheint genetisch bedingt zu sein. ADHS tritt familiär gehäuft auf, was für eine starke Erblichkeit spricht. Die Leitlinien suggerieren hier, dass 76 % der Varianz, die wir in Menschen bezüglich ADHS sehen, durch die Gene bedingt sind. Das ist ein wirklich sehr hoher Wert. Forschungen konnten außerdem zeigen, dass mehrere Gene an der Entstehung beteiligt sind, was erklären würde, warum kein "Ja oder Nein" Zusammenhang besteht. Einige dieser Gene sind auch an der Entstehung von Autismus beteiligt, aber mehr dazu später. Es stehen verschiedene Drogen und Gifte (allen voran Nikotin) im Verdacht, die Entstehung einer ADHS zu begünstigen, aber sicher sind wir uns da nicht, der Zusammenhang scheint, falls überhaupt, nicht stark zu sein. Was aber klar ist: Impfungen führen nicht zu ADHS. Oder Autismus.

Was nachgewiesen werden konnte, ist, dass emotionale Abwesenheit oder Vernachlässigung durch die Eltern den Verlauf, Schweregrad und Komorbiditäten einer ADHS begünstigen kann. Ein positives Erziehungsverhalten, vor allem der Mütter, scheint ein protektiver Faktor gegen die Entstehung einer ADHS zu sein. Das heißt: Es verringert die Wahrscheinlichkeit der Bildung einer ADHS, verhindern kann das auch die beste Mutter der Welt nicht. Einen einzelnen, kritischen Faktor konnten wir aber bisher nicht finden. Insgesamt scheint es so zu sein, dass die Entstehung primär genetisch bedingt ist, und Umweltfaktoren hier eher eine kleinere Rolle spielen.

Ganz stark vereinfacht und sicher nicht ganz korrekt könnte man sagen: ADHS ist genetisch bedingt, aber da es an mehreren Genen liegt, gibt es "Grenzfälle", und in diesen Fällen entscheidet die Umwelt, ob sich eine ADHS ausbildet oder nicht.

Entwicklung der ADHS

Die Idee, dass sich ADHS im Laufe "der Pubertät schon verwächst" ist niedlich. Wir haben eine primär genetisch bedingte Störung, bei der mehrere Neurotransmittersysteme in ihrer Funktion betroffen sind. Das sich das einfach "verwächst" ist so, als würde man einem Menschen, der als Kind ein Bein bei einem Unfall verloren hat nahelegen, bis nach der Pubertät zu warten, vielleicht wächst da ja ein neues. Das ist natürlich eine etwas übertriebene Parabel, aber dafür gibt es einen guten Grund.

Natürlich ist das Gehirn ein komplexes Ding, und in der Pubertät passiert in der Tat sehr viel. Ich will nicht ausschließen, dass gelegentlich auch mal eine ADHS einfach so verschwindet. Was viel häufiger vorkommen kann, ist, dass die betroffenen Menschen so gut im Kompensieren der Störung werden, dass sie in der Praxis symptomfrei sind. Die ADHS ist noch vorhanden, aber die Menschen haben Strategien und Workarounds gelernt, um nach außen ganz "neurotypisch" zu funktionieren. Das klappt oft ein Leben lang sehr gut. Allerdings ist Kompensation anstrengend. Dinge, die neurotypischen Menschen leichter fallen würden, können für eine erhöhte Grundbelastung bei Menschen mit ADHS sorgen. Das kann zur Entstehung von Burn-out-Depressionen beitragen, oft wenn Kinder mit in die Familie geboren werden, oder es im Job sehr anstrengend wird. Diese enorme Leistung der Betroffenen als "hat sich verwachsen" zu bezeichnen ist respektlos gegenüber dieser beachtlichen Leistung.

Nicht alle Menschen lernen, vollständig zu kompensieren, und manchmal sind die Symptome so ausgeprägt, dass dies auch gar nicht geht. Ungefähr die Hälfte aller im Kindesalter Betroffenen zeigt im Erwachsenenalter immer noch relevante Symptome.

Symptome

ADHS und Dein Gehirn

Es ist keine triviale Aufgabe, die Symptome einer ADHS zu beschreiben. Fangen wir mit den biologischen Auswirkungen an. Das Gehirn von Menschen mit ADHS ist anders aufgebaut. Wie genau? Wissen wir nicht. Manche Studien sagen, Gehirne von Menschen mit ADHS hätten weniger graue, aber nicht weiße Hirnmasse, und manche Bereiche des Gehirns seien mehr oder weniger stark aktiviert als die Gehirne neurotypischer Menschen. Ist das aber die Ursache oder die Folge von ADHS? Wissen wir nicht. Die Unterschiede sind andererseits so inkonsistent, dass viele Menschen mit ADHS eine Gehirnstruktur aufweisen, die von der eines "gesunden" Menschen nicht unterscheidbar ist. Es gibt keine hirnstrukturellen Unterschiede noch funktionelle Besonderheiten, die für ADHS notwendig oder hinreichend wären. Wir wissen also: Da ist was. Was genau? Ist unklar.

Besser sieht es bei Messungen des EEG aus. Hierbei wird die elektrische Aktivität des Gehirns von außen gemessen. Hier zeigen sich Unterschiede in allen Phasen der Informationsverarbeitung. Wenn Du Dich für mehr Details interessierst, verweise ich hier gerne auf die S3-Leitlinie, da steht noch viel mehr zu dem Thema, aber für den eiligen Leser reicht: Das Gehirn ist nicht kaputt, noch ist man "dümmer", es verarbeitet Informationen anders. Dieses "anders" kann heißen, dass manche Dinge besser oder schlechter funktionieren, als es für einen neurotypischen Menschen der Fall wäre. Wir wissen auch ziemlich sicher, dass diese Unterschiede alle mit den dopaminergen und noradrenergen Systemen eng verbunden sind. Oder einfach: Ein ADHS-Gehirn hat zu wenig Dopamin und Noradrenalin. Das ist natürlich sehr stark vereinfacht: Es ist nicht unbedingt "zu wenig" da, es kann auch zu wenig Rezeptoren geben, oder es wird zu wenig freigesetzt oder zu schnell wieder aufgenommen. Aber im Folgenden wird hier der Lesbarkeit wegen von "zu wenig" Dopamin und Noradrenalin gesprochen.

Symptome einer ADHS

Eine ADHS ist eine sehr individuelle Sache. Nicht jeder Mensch leidet unter den gleichen Symptomen. Aber es gibt ein paar "Klassiker", die die meisten Menschen mit ADHS betreffen. Grundsätzlich sind das Störungen der Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Häufige Symptome umfassen demnach:

Aufmerksamkeit


Aber halt! Bei vielen der genannten Symptome muss man unterscheiden. Macht etwas Spaß? Dann kann ein Mensch mit ADHS durchaus sehr lange die Aufmerksamkeit aufrecht erhalten. Wir erinnern uns: Mangel an Dopamin. Spaß sorgt dafür, dass mehr Dopamin zur Verfügung steht. Also: 6 Stunden am Rechner was zocken? Geht. Hausaufgaben, die der Mathelehrer in der Mittagspause aus dem 60 Jahre alten Mathebuch kopiert hat? Laaangweilig. Und man darf auch nicht vergessen, dass Menschen Strategien zur Kompensation erarbeiten. So hatte eine Patientin von mir direkt neben der Tür ein Schlüsselbrett, wo immer, ohne Fehl, jeden Tag der Schlüssel nach dem Reinkommen platziert wurde. Die Frage nach dem Verlegen wichtiger Dinge verneinte sie natürlich. Sie verlege nie etwas, alles habe seinen festen Platz daheim. Auf die Frage, was passieren würde, wenn sie das Schlüsselbrett nicht hätte, reagierte sie entsetzt: "Dann würde ich den Schlüssel ja nie wieder finden". Erwachsene Menschen können also durchaus Möglichkeiten entwickelt haben, um die Symptome zu mildern oder zu umgehen. Auch bei Fragen nach der Schulzeit muss hier mit Augenmaß vorgegangen werden: Wenn die Mutter dem Kind jeden Tag die Schultasche gepackt hat, hat es natürlich nur selten etwas daheim vergessen. Und wenn es in der Schule noch eine mit dem Rohrstock auf die Löffel gegeben hat, hat das Kind natürlich auch nie gestört. Würde ich auch nicht. Menschen mit ADHS sind neurodivergent, nicht lernbefreit.

Hyperaktivität
Die Symptomlisten wurden im ICD-10 primär mit Kindern im Kopf geschrieben. Bei Erwachsenen finden sich hier nur noch ganz selten alle Symptome dieser Liste. Oft ist das ein Grund, warum die Diagnose ADHS verweigert wird. Denn: Für die Diagnose braucht man 3(!) aus dieser Liste. Dass meine Hörnchen gerne mal mit den Händen nesteln oder mit den Füßen wippen, ist häufig. Dazu kommt oft ein permanentes Unruhegefühl und ein Bewegungsdrang. Aber im Rest der Symptome erkennt sich kaum jemand wieder. Darum hier nochmal eine bessere, praxisorientiertere Liste:


Mit dieser Liste kannst du vielleicht besser einschätzen, ob Du Dich im hyperaktiven Anteil einer ADHS wiedererkennst.

Impulsivität
Alle diese Symptome sollten (nach ICD-10) vor dem 7. Lebensjahr begonnen haben, und sich nicht erst kürzlich entwickelt haben. In der ICD-11 wird diese Altersgrenze auf das 12. Lebensjahr angehoben, was vielen Problemen in der Diagnostik vorbeugt, und sehr viel praxisnäher ist.

Sekundäre Symptome

Es gibt eine Reihe von Problemen, die Menschen mit ADHS betreffen können. Diese sind nicht direkt die Folge der ADHS, sondern des Lebens in einer neurotypischen, nicht immer verständnisvollen Welt. Ich nenne diese Symptome gerne "Sekundärsymptome", da sie nicht durch die ADHS, sondern die Reaktion der Umwelt auf die ADHS entstehen. Hierzu zählen: niedriger Selbstwert, Selbstvorwürfe, das Gefühl, "nichts hin zu bekommen", Schwierigkeiten im Studium oder bei Fortbildungen, das Gefühl, "falsch zu sein", oder "nicht in diese Welt zu passen" oder die Überzeugung, "einfach faul zu sein". Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist: Ein Kind sitzt 6 Stunden am Computer und spielt ein Spiel. Ein Spiel, in das mehrere Millionen Euro geflossen sind, um eine dopaminoptimierte Erfahrung zu bieten. Die Mutter sieht das, und sagt: "Okay, genug jetzt, Zeit für Hausaufgaben." Nach 10 Minuten sagt das Kind, es könne sich nicht konzentrieren. Die Mutter schüttelt den Kopf und sagt wütend: "Blödsinn. Spielen kannst du doch auch, du bist einfach nur faul."

Natürlich ist das Kind nicht faul. Es sagt die Wahrheit. Die Deutschhausaufgaben können einfach nicht mit dem Spiel mithalten. Da wird kein Dopamin ausgeschüttet. Das Kind kann sich tatsächlich nicht konzentrieren. Aber versteht es das? Nein. Es glaubt der Mutter. So bildet sich das Selbstbild: Ich bin faul. Und im Laufe des Lebens viele weitere: Ich kriege nichts hin. Ich schiebe immer alles bis zum Ende auf. Warum bin ich nur so blöd? Andere schaffen das doch auch. Warum ich nicht? Was ist falsch mit mir? Ich bin halt scheiße.

Nicht selten ist der sekundäre Schaden, der durch unerkanntes ADHS auftritt, der Grund für immer wiederkehrende Depressionen bei den betroffenen Menschen.

Drugs, Sex and Rock'n'Roll

Ich werde nicht müde, zu betonen: ADHS hängt (unter anderem) mit einem Mangel an Dopamin zusammen. Also sollten Menschen mit ADHS es ja richtig toll finden, wenn etwas Dopamin ausschüttet, denn dann sollte das ja zu einer Linderung der Symptome führen, oder? Ja, bei vielen Menschen ist das so! Viele Menschen mit ADHS mögen Dinge, die Spaß machen. Einkaufen, laute Musik, schnelles Autofahren, Extremsport, neue, exotische Speisen, Glücksspiel, Sexualität und berauschende Substanzen. Natürlich gilt das nicht für alle Menschen. Nicht alle sind gleich. Es kommt aber bei ADHS häufiger vor. Und das muss nicht schlimm sein. Es gibt sogar den Begriff der "ADHS Tax" falls man doch mal etwas gekauft hat, was man unbedingt haben wollte, aber eigentlich nicht braucht. Oder falls man etwas verloren hat, und darum ersetzen muss. Auch gegen gelegentliches Glücksspiel oder der verantwortungsvollen Gebrauch verschiedener berauschender Substanzen sind aus fachlicher Sicht als "normales" Verhalten einzuordnen. Selbstverständlich spricht auch nichts gegen häufige Sexualität. Viele meiner Patient*innen berichten auch, dass Sport, vor allem Joggen, für ein angenehmes Hoch sorgt, das sogar für Stunden bis Tage zu einer Symptomlinderung führen kann. Dopamin ist unser Freund, besonders bei ADHS.

Allerdings hat dieser Aspekt des ADHS auch Schattenseiten. So kann es passieren, dass man zu viel Geld ausgibt, bis zu dem Punkt, dass man sich verschuldet. Substanzabhängigkeit (vor allem Nikotin, Koffein, Kokain und Amphetamine) ist unter Menschen mit ADHS deutlich häufiger, genauso wie pathologisches Glücksspielen. Schnelles Autofahren kann genauso eine Gefahr sein wie ungeschützter Verkehr mit wechselnden Sexualpartnern. Auch Übergewicht ist aufgrund impulsiven Essens unter Menschen mit ADHS häufiger. Natürlich gilt auch hier wieder: Nicht jeder Mensch mit ADHS ist drogenabhängig. Nicht mal die Mehrheit. Aber das Risiko für eine Substanzabhängigkeit ist in dieser Gruppe höher als bei den neurotypischen Menschen.

Diagnostik

Grundlagen

Eine ADHS zu diagnostizieren ist nicht einfach. Die Symptome einer ADHS sind nicht für diese Störung spezifisch, das heißt es gibt auch andere Störungen, die vergleichbare Symptome verursachen. Um zu unterscheiden, ob nun Störung A oder B vorliegt, verwenden wir sogenannte Differentialdiagnostik. Hier gilt es ganz genau hinzusehen. Zum Beispiel können Depressionen auch Störungen von Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis verursachen. Hier liegt häufig auch ein negatives Selbstbild und ein ausgeprägtes Morgentief vor. Gerade Depressionen, die nicht mit extremer Traurigkeit einhergehen, können mit ADHS verwechselt werden. Hier würde man z. B. auf den zeitlichen Verlauf achten. Depressionen haben üblicherweise in den letzten Jahren irgendwann begonnen, eine ADHS sollte gefühlt "schon immer" vorgelegen haben. Da wir selten klare Erinnerungen an unsere ersten Lebensjahre haben, sagt man auch: vor dem 7. Lebensjahr (Anmerkung: in der ICD-10 gilt das 7. Lebensjahr als Grenze, ab der ICD-11 dann das 12. Lebensjahr).

Auch eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus (kurz: Borderline) kann zum Verwechseln ähnlich ausgeprägt sein. Wechselnde Stimmungen, aufbrausendes Wesen, impulsives Verhalten. Auch ein negatives Selbstbild ist bei Borderline normalerweise vorhanden. Was uns bei Depressionen einfach helfen kann, die Störungen zu unterscheiden, nämlich deren Beginn und Verlauf, ist hier schwieriger klar zu unterscheiden. Borderline beginnt üblicherweise in der Jugend. Das ist später als "vor dem 7. Lebensjahr". Aber. Wenn die betroffene Person schon 40 ist, wie präzise kann man das noch erinnern? Die Chancen stehen gut, dass auch hier mit "ich bin schon immer so" geantwortet werden würde.

Andere Störungen, die es abzuklären gilt, wären Traumastörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, dissoziative Störungen (allen voran dissoziative Identitätsstörung) und Autismus. Besonders Autismus ist hier hervorzuheben. ADHS und Autismus - ich vereinfache hier stark - teilen sich quasi einen Symptompool. Beide Störungen können auch einzelne Symptome aufweisen, die eigentlich zur anderen Störung gehören. Dazu kommt, dass bei gut einem Drittel aller Personen mit ADHS auch Autismus vorliegt. Man spricht von einer "Komorbidität".

Zuletzt gibt es einige körperliche Erkrankungen, die vergleichbare Symptome hervorrufen können. Und um das alles noch komplexer zu machen: Die meisten dieser Probleme können auch zusätzlich zu einer ADHS auftreten. Das ist z.B. bei Depressionen nicht selten. Eine gute ADHS Diagnostik betrachtet nicht nur die Symptome einer ADHS, sondern will auch alle anderen Möglichkeiten ausschließen, damit wir sicher sein können: Es ist die richtige Diagnose. Keinesfalls können übrigens einzelne Fragebögen oder Online-Selbsttests eine qualifizierte Diagnose ermöglichen.

Komorbiditäten sind übrigens ein ziemliches Problem. In der Klinik zeigt sich, dass 85 % (!) aller Menschen mit ADHS mindestens eine weitere komorbide Erkrankung haben. Die Diagnosekriterien im ICD-10 verlangen aber explizit, dass bei Diagnosestellung die Kriterien einer Entwicklungsstörung, Manie, Depression oder Angststörung nicht erfüllt sind. Das ist nicht praxisnah, denn Depressionen und Angststörungen machen den größten Teil aller üblichen Komorbiditäten aus. Nicht umsonst existiert dieses Kriterium in der ICD-11 nicht mehr, und im amerikanischen DSM-V auch nicht. Hier wird nur verlangt, dass keine andere Störung die Symptome *besser* erklärt. Ich arbeite hier dem DSM-V / ICD-11 folgend, und schließe eine ADHS nicht grundlegend aus, nur weil parallel eine psychische Erkrankung vorliegt.

Fragebögen

Grundsätzlich ist es immer eine gute Idee, Symptome durch einen normierten, wohl überprüften, fairen und nicht-diskriminierenden Fragebogen abzufragen und mit einer Norm zu vergleichen. Dadurch erhält man einen Einblick, wie es der Person im Vergleich zu einer Normstichprobe geht. Man folgt einer standardisierten Erhebung und einem standardisierten Antwortschema. Für die Forschung ist das großartig, und für die Diagnostik können so wertvolle Informationen gewonnen werden. Fragebögen sind auch ein günstiges Instrument - der Psychologe muss bei der Durchführung nicht dabei sein, d.h. Fragebogendiagnostik ist kostengünstig und für den Psychologen zeitsparend.

Leider ist die Entwicklung dieser Instrumente sehr teuer, und selbst die "goldstandard"-Verfahren sind manchmal diskriminierend. So ist z. B. der WURS-K, ein mehr oder weniger verpflichtender Fragebogen zur Erhebung der Symptomatik in der Kindheit, diskriminierend gegenüber Frauen und Mädchen. Diese neigen eher zu unaufmerksamen Symptomen, und weniger zu Hyperaktivität. Diese Symptome werden vom WURS-K unterschätzt, und führen oft zum Unterschreiten des notwendigen Wertes für eine Diagnose.

Wichtige Fragebögen in der ADHS-Diagnostik sind:
HASE (Homburger ADHS Skalen für Erwachsene). Eine "Sammlung" bestehend aus mehreren Verfahren, die einzeln oder gemeinsam eingesetzt werden können. Hierzu gehören der ADHS-SB, der benannte WURS-K, der WRI und der WR-SB Selbstbeurteilungsfragebogen. Die HASE sind ein sehr beliebtes Verfahren, das ich selbst auch benutze.
Conners 3 (Conners Skalen zu Aufmerksamkeit und Verhalten - 3). Das Verfahren ist auch aus dem englischsprachigen Raum als "CAARS" bekannt. Ein tolles Verfahren zur Diagnose von ADHS, mit vielen Testvarianten für nahe Bezugspersonen oder Lehrkräfte. Die Conners erlauben es auch, den Schweregrad einer ADHS zu bestimmen.
ASRS (Adult Self Report Scales). Dieser kurze Fragebogen der WHO erlaubt eine erste Einschätzung, ob eine ADHS vorliegen könnte. Das lizenzfreie Verfahren ist hier auf meiner Seite auch unter "Selbsttest" verfügbar.

Weitere: Es gibt noch viele weitere, gute Fragebogenverfahren für ADHS. Zum Beispiel den KATE, das DISYPS und viele mehr.

Fragebögen für andere Störungen Natürlich werden im Rahmen einer guten Differentialdiagnostik noch einige andere Verfahren eingesetzt, um die möglichen Differentialdiagnosen zu untersuchen.

Biographische Anamnese

Ein weiterer wichtiger Baustein einer Diagnostik ist die biographische Anamnese. Hierbei analysiert man die Geschichte der betroffenen Person, schaut wann und wie sich erste Symptome ausgebildet haben und wie die Kindheit, Jugend und Entwicklung der Person verlaufen sind. Hierüber gewinnt man wertvolle Hinweise für die Diagnostik und vor allem auch Differentialdiagnostik.

Schulzeugnisse

Ein wichtiges Kriterium für ADHS ist, dass die Probleme schon vor dem 7. Lebensjahr begonnen haben. Leider können wir das in unseren 30ern oder 40ern nicht zuverlässig sagen. Fragebögen unterliegen hier einem "long ago bias", das heißt, sie werden zunehmend unzuverlässig. Trotzdem wollen wir irgendwie herausfinden, ob nun in der Kindheit Symptome vorgelegen haben oder nicht. Wir könnten die Eltern der Person fragen, doch auch die unterliegen einem "long ago bias", und sind auch nicht immer als Quelle verfügbar. Oder die Patient*innen wollen nicht, dass die Eltern vom ADHS-Verdacht erfahren. Ein Zeitzeugnis, dass bei fast allen Menschen vorliegt sind die Grundschulzeugnisse. Nicht wegen den Noten, sondern den Anmerkungen über das Sozialverhalten der Kinder. Hieraus kann man wertvolle Hinweise gewinnen. Leider sind auch diese nicht ganz zuverlässig. Schließlich basieren sie auf dem Urteil der Lehrer*innen, und auch diese haben verschiedene Ausbildungsstände, und gerade ruhige, aufmerksamkeitsgestörte Kinder fallen selten genug negativ auf. Das Betrachten der Zeugnisse wird vorgeschlagen, ist aber nicht verpflichtend.

Interview

Mit der wichtigste Baustein einer guten ADHS Diagnostik ist ein strukturiertes Interview. Hier besteht die Möglichkeit, die Symptome ganz präzise zu erfassen, nachzufragen, und auch Kompensationsstrategien mit zu berücksichtigen. Das bekannteste Interview wird das Wender-Reimherr-Interview (WRI) sein. Ein anderes ist das DIVA-5 (Diagnostisches Interview für ADHS bei Erwachsenen, 3. Auflage). Das WRI ist ein Bestandteil der HASE Testbatterie, das DIVA unabhängig davon gegen eine geringe Schutzgebühr verfügbar. Beide Verfahren können nur von geschultem Personal zuverlässig durchgeführt werden.

Hirnleistungstests

Ein wichtiger Faktor bei ADHS ist die nachweisbar schlechtere Leistung des Arbeitsgedächtnissses im Vergleich zur allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. Oder in fancy Fachsprache: Das Leistungsvermögen des Arbeitsgedächtnisses ist unangemessen verringert im Kontext des allgemeinen kognitiven Leistungsvermögens. Um dieses Ungleichgewicht sichtbar zu machen, können in der ADHS Diagnostik Intelligenztests und Tests des Arbeitsgedächtnisses verwendet werden. Hierbei vergleicht man das Ergebnis mit dem einer Normstichprobe über einen sogenannten Normwert, häufig in der IQ Skala. Der Normwert für das Arbeitsgedächtnis sollte dabei schwächer ausgeprägt sein als der des allgemeinen Intelligenztests. In der Praxis zeigt sich das auch sehr häufig, aber nicht bei allen betroffenen Personen. Auch diese Untersuchungsmethode hat Grenzen. So messen Leistungstests in der Praxis selten gut im mittleren, oberen und unteren Leistungsbereich. "Deckelt" also eine Person beim allgemeinen Intelligenztest und hat einen guten Wert im Arbeitsgedächtnistest, so erscheinen die Werte ähnlich hoch. Das liegt aber nicht daran, dass die Einschränkung nicht vorhanden ist, sondern daran, dass der Intelligenztest nicht höher messen konnte. Darüber hinaus ist kaum ein Intelligenztest kulturfair oder auf neurodivergente Menschen normiert. Aber genau diese Personengruppe untersuchen wir hier.

Ich setze trotzdem Leistungstests ein, allerdings verwende ich möglichst kurze und ökonomische Verfahren.

Körperliche Untersuchung

Wir sollten bei Kindern zumindest das Hörvermögen und Sehvermögen prüfen. Wenn das Kind die Tafel nicht lesen kann, kann es auch schlecht aufpassen, oder? Bei Erwachsenen kann man davon ausgehen, dass beides geprüft und in Ordnung ist. Ein EEG kann, muss aber nicht durchgeführt werden. In jedem Fall sollte eine "orientierende internistisch-neurologische" Untersuchung durchgeführt werden. Das ist Fachsprache für "Da sollte mal jemand draufgeschaut haben, ob nicht was auffällig ist".

Diagnostisches Gespräch

Das Kernstück jeder Diagnostik ist das persönliche Gespräch, in dem der oder die Behandler*in mit der betroffenen Person spricht. Hierüber wird ein Gesamteindruck gewonnen. Unklarheiten der anderen Diagnosemethoden können im Gespräch ausgeräumt werden, ein Blick "hinter die Symptome" auf das Geschehen im Inneren des Menschen ist möglich. Man bekommt einen Blick auf den Menschen im Gespräch, auf das Verhalten, die Ausdrucksweise, die Sprechweise, die Interaktionsmuster und vieles mehr. Aus tiefenpsychologischer Perspektive entstehen im Gespräch auch Gegenübertragungen (wie "fühlt sich das Gegenüber für mich an"), die ein Therapeut oder eine Therapeutin diagnostisch auswerten kann.

Differentialdiagnostik und abschließende Begutachtung

Haben wir alle Quellen möglicher Informationen zusammen, ist es an der Zeit, die Erkenntnisse zusammenzufassen. Hierbei gilt: Eine Diagnose ist ein klinisches Urteil einer ausgebildeten Fachkraft, unter Berufung auf die erhobenen Kenntnisse. Kein Test kann sagen "Ja, definitiv ADHS" und kein Fragebogen kann sagen "Nein, definitiv nicht". Wir werten diese Hinweise aus, wie ein Detektiv in einem Kriminalfall, und kommen dann am Ende ganz selbst zum Urteil: Ja oder Nein. Es gilt: Wir müssen die vorhandenen Symptome mit möglichst wenig Diagnosen erklären können, und es sollten möglichst keine Probleme am Ende unterklärt "übrigbleiben".

Behandlung

Medikamentöse Behandlung

Für alle Erwachsenen mit behandlungsbedürftiger ADHS wird eine primäre Behandlung mit Psychostimulanzien empfohlen. Das heißt, Medikamente sind die 1. Wahl, nicht Psychotherapie. Aber natürlich gehen die Wünsche der Patient*innen immer vor. Wer keine Medis will, muss auch keine nehmen. Außerdem gibt es bestimmte Erkrankungen oder andere Kontraindikationen, die eine Behandlung mit Psychostimulanzien ausschließen. Dies muss immer mit einem Psychiater oder einer Psychiaterin geklärt werden. Findet eine Behandlung statt, kommen Methylphenidat (Ritalin, Medikinet) oder Lisdexamphetamin (Elvanse) am häufigsten zum Einsatz. Diese Medikamente fallen häufig unter das Betäubungsmittelgesetz, und sind daher nicht ganz einfach zu bekommen. Üblicherweise verschreibt Dir Dein Psychiater diese. Die Medis sind aber keine "Ruhigsteller" oder Medikamente, die einen "stumpf im Kopf" machen. Ganz im Gegenteil. Psychostimulanzien machen eher wach, und sind aktivierend. Bekannte, ähnlich wirkende Stoffe sind Koffein oder Amphetamine. Diese Stoffe sorgen dafür, dass mehr Dopamin im Kopf vorhanden ist - lindern damit also die Symptome einer ADHS. Die meisten Patient*innen finden die Wirkung ihrer Medis sehr angenehm. Auch für die "sekundären Symptome" kann es gut sein, die Medikamente zumindest mal zu testen um zu verstehen: "Ach so, das ist mein Gehirn ohne ADHS, so erleben andere Menschen die Welt". Natürlich haben alle diese Medikamente auch Risiken und Nebenwirkungen. Eine intensive Beratung beim Arzt Deines Vertrauens ist hier unerlässlich.

Psychotherapie

Psychotherapie soll bei Menschen mit ADHS nicht die Erkrankung heilen, sondern Hintergrundwissen vermitteln, und helfen, mit den Problemen durch die ADHS besser umzugehen. Strategien für den Alltag, zur Reduktion von Ablenkbarkeit, Verbesserung der Planungsfähigkeit und zum Stressmanagement sollen in der Therapie gelernt werden.

Fast wichtiger finde ich den Umgang mit belastenden Gedanken und dem Selbstwert, den Menschen mit ADHS im Laufe ihres Lebens erworben haben, und unter denen sie leiden. Ich sage immer: Es geht nicht darum, den Patient*innen zu vermitteln, wie sie weniger "krank" sein können. Es geht darum den Patient*innen zu zeigen, dass sie okay sind.

Sonstiges

Betroffene sollten auf ausreichend Schlaf, eine gesunde und ausgewogene Ernährung und vor allem Sport achten. Viele Menschen berichten, dass durch regelmäßigen Sport eine deutliche Verbesserung der Symptomatik erreicht wird. Das ist in der Tat nicht nur so "dahergesagt", so wie die Standardfloskeln bei vielen Erkrankungen. Gerade mit ADHS vergessen die Menschen manchmal das Essen, oder bleiben zu lange wach. Verständlich, das Spiel ist gerade spannend. Eine Folge der Serie kann ich doch noch schauen. Allerdings verstärken Müdigkeit und Erschöpfung die ADHS-Symptome, genau wie es bei Menschen ohne ADHS der Fall wäre. Dadurch kommt man aber später oder am nächsten Tag leicht in die "rote Zone", in der die Symptome so stark sind, dass gar nichts mehr geht. Und das wiederum aktiviert dann wieder dysfunktionale, schädliche Gedanken und Selbstbilder. Also: Menschen mit ADHS sollten besonders auf strukturierte, regelmäßige Selbstfürsorge achten.

Mein Angebot

Ich biete auf diesen Seiten Online-Diagnostik für ADHS für Selbstzahler an. Die Kosten hierfür betragen derzeit 487,31€. Private Krankenkassen übernehmen die Kosten manchmal, gesetzliche Krankenkassen nicht. Die Diagnostik folgt dabei den S3-Leitlinien für die Diagnose der ADHS. Es werden diverse Fragebögen, ein Interview, und Hirnleistungstests verwendet. Einige dieser Tests setzen es voraus, dass man hinreichend gut sehen kann. Diese sind nicht barrierefrei. Da mein Angebot auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen verfügbar sein soll, würde ich Dich bitten mich per E-Mail oder meinem Kontaktformular zu erreichen. Wir besprechen dann gemeinsam, welche Tests Du online alleine durchführen kannst, und bei welchen Tests ich Dich unterstützen darf. Vielleicht können wir nicht alle Tests gemeinsam durchführen, aber wir kommen am Ende trotzdem zu einer guten, soliden Diagnostik. Auch wenn dies bedeutet, dass wir mehr persönliche Gespräche und weniger automatisierte Tests haben, bleibt der Preis selbstverständlich gleich.

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